[0km] Weiße Weihnacht in Wladiwostok?

[0km] Weiße Weihnacht in Wladiwostok?

Nein.

Warum nicht? Kein Schnee? Doch, ein bisschen Schnee liegt hier schon, wenn auch noch nicht viel. Wladiwostok? Ja, hier bin ich tatsächlich. Weihnachten? Vom 23.12. bis zum 25.12. bin ich ich der Stadt, in diesen Bereich fallen zumindest Teile von Weihnachten – daheim in Deutschland, aber nicht hier in Russland!

Aber vielleicht beginne ich besser ganz klassisch mit dem Anfang (dieser Reise):

Schon 2016 auf der Transsib-Reise von Moskau nach Peking mit Arne kam die Idee auf: Das müsste man unbedingt mal im Winter machen! Sowas ist natürlich schnell gesagt, aber tatsächlich weniger schnell umgesetzt… Die erste Idee, dies tatsächlich umzusetzen, kam dann 2017. Einen Reisezeitraum zu finden, war dann recht einfach: 4 Wochen ab Weihnachten 2018!

Die Planung selbst startete dann tatsächlich schon mehrere Monate vor Abflug (Im Juli, nach meiner Alpenwanderung), und gestaltete sich recht umständlich: Fahrplanwechsel der Bahngesellschaften, Visabedingungen, und merkwürdige Verkaufsvorgänge machten die Vorbereitungen nicht einfacher.

Die russichen Fahrpläne nach dem Fahrplanwechsel im Dezember änderten sich immer mal wieder (oder verschwanden komplett für einige Monate), aber ein grober Fahrplan stand schnell, und so wurden noch im Juli die Flugtickets nach Wladiwostok am 22.12. gebucht. Im Sommer kann man sich leicht denken „Wie kalt kann es da schon sein?“, was natürlich viel Zeit für Zweifel lässt.

Zwischendurch musste zudem noch groß umgeplant werden, da man als nicht-(Weiß)Russe nicht mit der Eisenbahn von Russland nach Weißrussland reisen darf. Dies fiel mir glücklicherweise noch beim Ausfüllen des Visumantrags auf… Schlussendlich gelang es uns aber, einen Reiseplan auszutüfteln, und drei Tage vor Reiseantritt hatten wir dann auch endlich alle Bahnfahrkarten zusammen.

Ohne zu sehr ins Detail zu gehen, kann ich bereits schreiben: Es wird eine lange Reise. Vermutlich länger als die Fahrt in 2016 – den Kilometerstand werde ich natürlich wieder meinen Möglichkeiten entsprechend mitschreiben. Dabei zählen natürlich nur die mit der Eisenbahn zurückgelegten Kilometer – mit dem Flugzeug um die Welt fliegen kann schließlich jeder, und der ein oder Abstecher um ein paar hundert Kilometer mit der Marshrutka sind sowieso nur Peanuts…

Genug der Vorgeschichte: Ich bin wie auf der letzten TransSib-Reise mit Arne unterwegs. Die Anreise erfolgte per Flugzeug, unser Treffpunkt: Flughafen Moskau. Der Weg an sich ist zwar zentrales Element dieser Reise, aber Flugreisen sind einfach zu ereignislos, zu beengt, zu schnell. Der eigentlich Bericht beginnt also am 23.12.2018, mit der Ankunft in…

Wladiwostok

Wladiwostok ist klassisch betrachtet natürlich der “Endpunkt“ der transsibirischen Eisenbahn, unsere Reise startet hier nach einer kurzen Marshrutka-Fahrt vom Flughafen in die Innenstadt.

Diese Fahrt ist es auch, in der plötzlich das Gefühl da ist, dass der Urlaub endlich begonnen hat: Viel zu eng und unbequem zusammengefercht in einem Kleinbus geht es durch die Vororte, vorbei an Plattenbauten und Statuen von Soldaten und Arbeiterhelden.

Wladiwostok wird angeblich auch San Francisco des Ostens genannt, was vermutlich auf die Lage zurückzuführen ist: Auf der einen Seite mit Blick auf’s Meer, auf der anderen Seite über die Bucht auf die Berge.

Während des kalten Krieges war es Ausländern verboten, die Stadt zu beteten. Heute tummeln sich hier auch im Winter die Touristen. Chinesen, Japaner und Koreaner scheinen gerne herzukommen. Und das nicht zu Unrecht. Dazu aber endlich mal ein paar Fotos!

Direkt im Zentrum, eine Art Weihnachtsmarkt, nur leider ohne Glühwein:

Dafür aber offenbar mit ordentlichem Weihnachtsbaum – auch wenn das orthodoxe Weihnachten erst auf den 6.1. (Heiligabend) bzw. 7.1. fällt. Adventszeit ist natürlich trotzdem schon!

Russland wäre nicht Russland, ohne an jeder zweiten Ecke Militär und Vaterland zu feiern! In der Hafenstadt geht das am besten per U-Boot!

Im Hintergrund ist sehr schön die stadtbildprägende Brücke zu sehen, die die Bucht überspannt.

In diesem Bild wiederum rechts, der erwähnte Hafen. Als eisfreier Pazifikhafen mit direktem Anschluss an die transsibirische Eisenbahn ist dieser für Vladimirs Bootssammlung von hoher Bedeutung, was sich recht deutlich zeigt.

Für dieses Foto hätte man mich hier vor gut 20 Jahren vermutlich für dieses Foto sofort weggesperrt (abgesehen davon dass ich nicht hätte hier sein dürfen).

Auf der anderen Seite der Halbinsel geht es etwas weniger militant zu, dort lädt eine Uferpromenade zum winterlichen flanieren ein:

Der ein oder anderen Leser wird an dieser Stelle vermutlich schon aufschreien, wie unsibirisch es hier doch aussieht. Tatsächlich ist es noch nicht so besonders kalt, sobald die Sonne morgens rauskommt halten sich die Temperaturen zwischen -4 und -8 Grad. Der Schnee ist noch recht frisch vom letzten Freitag, da es hier letzte Woche noch Temperaturen oberhalb des Gefrierpunktes gab. Wladiwostok liegt recht weit im Süden, etwa auf derselben geographischen Breite wie Marseille. Wenn am Hafen eine steife Brise aufkommt, kann es trotzdem auch bei -5 Grad recht eisig werden!

Zwischen den Küsten besteht die Stadt aus alten mehr oder weniger gut erhaltenen Häusern, sowjetischen Plattenbauten, und modernen Hochhäusern.

Sobald die Dunkelheit einbricht (und damit auch etwas die gefühlten Temperaturen), werden dann die Lichter eingeschaltet – man sieht, der Russe mag es bunt!

Was mich zum nächsten Punkt bringt, den kleinen Merkwürdigkeiten, ohne die Russland einfach nicht Russland wäre. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ist die westliche Musik der 90er gekommen und seitdem nicht mehr gegangen. Aus den Lautsprecher im Hotel, den Restaurants und Cafes schallen neben ein paar saisonal bedingten Weihnachtsliedern Eurodance und Modern Talking (oder sehr stark daran angelehnte Musik – wer auch immer sich dachte “Wir brauchen mehr Bands wie Modern Talking“). Die Lautsprecher können dabei auch mal einfach so auf der Straße hängen und den Geschmack (oder den Mangel daran) ihres Eigentümers zum besten geben.

Außerdem existieren solche Perlen wie dieser Uhrenturm, bei dem wohl erst nach dem Bau festgestellt wurde dass die Hauptkomponente vergessen wurde, um diese nachträglich anzubringen:

Oder dieser plötzlich verschwundene Bankautomat:

Oder dieser – ich hätte nicht gedacht diese Wörter jemals in Kombination zu schreiben – Adidas-Pelzmantel:

Okay, damit hätten wir ein paar anfängliche Klischees bedient. Wir selbst dürfen da natürlich keine Ausnahme machen. Die vielen Marinesoldaten in Winteruniform tragen sie hier bereits (auch wenn es noch nicht unbedingt kalt genug ist), auch für viele Zivilisten gehört sie zur Wintergarderobe: Die Ушанка! Auf Deutsch Uschanka, den meisten vermutlich bekannt als “Die Russenmütze.“ Was läge da näher, als diese mit der eigenen Tradition zu verbinden!

Auf dem Foto leider schlecht zu erkennen, das Thermometer in meiner Hand zeigt -8 Grad! Das ist zwar noch nicht besonders sibirisch, aber mit Sicherheit mein bisher kältestes Bierselfie! Die Zeit auf diesem Aussichtspunkt nutzen wir noch für Versuche der Nachtfotografie,

Bis ich die ersten Biereiskristalle in der Flasche hatte – ein gutes Zeichen, dass die Lokalität gewechselt werden sollte!

Damit verabschiede ich mich in die erste Zugpause! Am 25.12. gegen Abend fährt unser Zug ab, der für die nächsten Tage unser zuhause sein wird! Ein paar Bilder vom letzten Tag in Wladiwostok werde ich dann noch nachreichen im nächsten Eintrag, dazu hat es heute vor Abfahrt nicht mehr gereicht.

Und auch wenn wir hier noch mitten in der Adventszeit stecken, wünsche ich allen Lesern in Deutschland und anderen nicht-russischen Teilen der Welt:

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